ENSIDER:NEWS
Trotz boomender, globaler Entertainment-Industrie sehen sich deutsche Produktionsunternehmen mit signifikanten Herausforderungen konfrontiert. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sortiert sich und priorisiert das eigene Programmportfolio neu. Das führt konkret zu Absagen sicher geglaubter Aufträge oder der Reduktion etablierter Reihen. Im wiedererwachenden Kinomarkt bieten sich auch fast vergessene Möglichkeiten, erfordern bei der Entwicklung allerdings eine wohlüberlegte Balance. Zielgerichtete Präzision und ein gesundes Gleichgewicht war auch beim 25. „Filmszene Bayern auf Eis“ am Ende der Münchner Filmwoche gefragt - einem, trotz eines Blaulichteinsatzes, schönen Start in das Produktionsjahr 2023.
Unsicherheit, Unplanbarkeit, Unkontrollierbarkeit - damit haben wir Menschen zunehmend Schwierigkeiten. Digitalisierung suggeriert uns ständig, wir könnten alle Faktoren kontrollieren und damit unsere Stressoren reduzieren. Die Krisen der letzten Jahre sind für viele genau deshalb ein so großes psychisches Problem: Das Individuum selbst kann faktisch kaum Einfluss nehmen. Vielleicht war diese Urangst auch der Grund für die Entwicklung des Menschen, weg von erfolgsabhängiger Jagd und hin zu planbarer Ernte. Wenn wir bereits nach wenigen Wochen erkennen müssen, dass unsere Jahresplanung wahrscheinlich so nicht umsetzbar sein wird, ist es an uns selbst, uns darauf einzulassen. Eine Begleitung kann hierbei hilfreich sein - allerdings auch sehr unterschiedlich aussehen.
Das neue Jahr verspricht spannende Entwicklungen. Das Kino erlebt eine erfolgreiche Renaissance. In der Pandemie längst totgesagt, sorgen vor allem Filme mit Überlänge für Einspielergebnisse, wie in Hochzeiten der Großleinwand. Mit FAST (Free ad-supported TV, quasi werbefinanziertes Streaming) werden Sparten-TV-Inhalte kostenfrei mit Werbung angeboten und ergänzen die VOD-Welt. Neben bewährten Abo-Modellen soll AVOD (werbefinanzierte On-Demand-Inhalte) mit viel aktuellem Streaming-Inhalt angereichert werden. Trotz der drohenden Streiks amerikanischer Gewerkschaften, allen voran der der Autoren (WGA) und der - für die Produktionslandschaft schmerzhaft spürbaren - Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland darf ein weiteres Wachstum des Gesamtmarkts erwartet werden. Umfassende Nachhaltigkeit wird signifikanten Einfluss auf Organisation und Ausbildung bekommen. Smarte Lösungen werden den Produktionsalltag verändern. Gleichzeitig entdeckt die Branche den Wert persönlicher Begegnungen bei Branchenveranstaltungen wieder.
Lösungen für die großen Herausforderungen Nachhaltigkeit und Fachkräftemangel, die Stabilisierung persönlicher Netzwerke und die wachsende Krisen-Resilienz haben das Jahr 2022 geprägt. Die überwiegende Mehrheit der Branchenteilnehmer hat insbesondere Nachhaltigkeit als Chance erkannt und sich den jeweiligen Initiativen angeschlossen. Mit der neuen CSRD-Richtlinie der EU werden wir ab 2023 einen gesetzlichen Rahmen für die verbindliche Umsetzung der ESG-Richtlinien erleben. Jedes Glied der Lieferkette wird daran beteiligt sein müssen, damit Sender, Streamer und Verleiher ihre Nachhaltigkeitsberichtspflichten erfüllen können. Die Ausbildungsinitiativen entfalten langsam, aber beständig ihre Wirksamkeit, allen anderen Krisen zum Trotz. Die neue Bundesregierung hat trotz der ernüchternden Wahlprogramme die Kultur mit ihrer gesamtgesellschaftlichen Wirkung und die Wirtschaftskraft der Medien fest im Blick. 2022 war nicht die erhoffte, umfassende Erholung für Wirtschaft und Gesellschaft, aber unterm Strich konnten in vielen Bereichen wichtige Schritte in die richtige Richtung gemacht werden.
Junge Generationen müssen sich seit jeher vorhalten lassen, sie wären nicht fleißig genug - zumindest nicht so, wie die Generation vor ihnen. Gegen dieses Vorurteil sprechen jetzt die vielen Provokationen der Klimaaktivisten, denn dass sie nicht aktiv wären, kann man ihnen nicht vorwerfen. Dank der Diskussion über die Angemessenheit der Aktionen rückt allerdings der eigentliche Kern aus dem Fokus. Was können wir alle gegen den Klimawandel tun?! Dieses Thema eignet sich leider hervorragend, um die Verantwortung auf Politiker oder auf „die Industrie“ abzuwälzen. Mitnichten wird damit das Problem kleiner. Trotz der Übermächtigkeit können alle ihren Beitrag leisten. Nachhaltigkeit geht dabei über reinen Umweltschutz hinaus, denn Klimaschutz und Umweltschutz meinen nicht immer das Gleiche.
Die Börsenwerte der amerikanischen Entertainment-Giganten verloren dramatisch. Die hohen Markteinführungskosten und Investitionen in Content für Streaming-Angebote verschlangen Milliarden. Disney zieht mit einem Einstellungs- und Ausgabenstopp die Reißleine. Kino ist der alte und neue Heilsbringer, mit neuen Konzepten. Ein wichtiges Signal für Deutschland, wo der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter Druck steht. Die Midterms, die Zwischenwahlen in den USA, zeigen jedoch auch die Folgen einer neutralen Berichterstattung auf die Meinungsbildung in einer Demokratie auf. Was bei uns morgen kommt, kann man in den USA heute schon beobachten.