Rückblick auf die Forum Media Concerence | TV & Digital

Am 29. April 2021 fand die „FMC | TV & Digital“ der Ensider.net GmbH statt. In diesem neuen Format trafen sich zahlreiche Vertreter*innen der deutschen Film- und TV-Wirtschaft, um sich über den aktuellen Trend vom linearen zum digitalen Format auszutauschen. Bei der vom FFF Bayern geförderten Konferenz waren hochkarätige Speaker*innen zu Gast, welche klare Einblicke in aktuelle Bewegungen und neue Chancen gaben. Live-moderiert wurde das Event von Miriam Brenner aus dem Studio das Produktionshaus.

Die Digitalisierung der deutschen Medien hat im vergangenen Jahr einen riesigen Sprung gemacht. So verkündete es Medienstaatssekretärin Heike Raab in ihrem Vorwort zur Konferenz. Stellvertretend für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, benannte sie dessen aktuelles Ziel: die Vernetzung von dessen digitalen Mediatheken zu einer gemeinsamen Plattform. Auch interne Strukturänderungen seien in Planung. Bezüglich eines neuen Finanzierungsmodells müsse, nachdem die Erhöhung des Rundfunkbeitrags abgelehnt worden war, auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes gewartet werden. Die wirtschaftliche Grundlage dürfe jedoch auch bei den öffentlich-rechtlichen Medien nicht fehlen. Nur so sei ein starkes duales Mediensystem zu gewährleisten.

Die andere Seite dieses dualen Mediensystems wurde auf der Konferenz von Dr. Henning Tewes, Geschäftsführer der RTL Television und Co-Geschäftsleiter von TVNOW, vertreten. Nachdem TVNOW 2020 ihre Abonnentenzahlen verdoppeln konnte, ist vielfältiger Content die Devise des Unternehmens. Obwohl während des Lockdowns die Beliebtheit von Reality Formaten stark zugenommen hat, baut TVNOW in Zukunft auch verstärkt auf hochqualitative Fiction. Gleich vier Serien mit hochkarätiger Besetzung sollen im Laufe dieses Jahres veröffentlicht werden. „Glauben“, „Faking Hitler“, „Sisi“ und „Der König von Palma“ glänzen mit komplett unterschiedlichen Genres und Inhalten. Mit der UEFA Champions League sollen Fußballfans gebunden werden. Die Zielgruppe von TVNOW ist breit gefächert. „Wir wollen nicht die breite Masse. Wir wollen einfach jeden. Das ist Mainstreaming.“

Im Hinblick auf die Konkurrenz aus Übersee erläuterte Tewes den Vorteil der Mediengruppe RTL als Teil der Bertelsmann Content Alliance. Inhalte würden zwischen den beteiligten Unternehmen, zu denen auch die UFA und der Verlag Random House gehören, hin und her gespielt, was eine multimediale Vermarktung ermögliche. Mit dem kommenden Rebranding von TVNOW zu RTL+ seien weitere große Entwicklungen geplant. Gerne können Produzent*innen und Kreative auf die Unternehmensgruppe zukommen.

Zum Thema Vermarktung hatte auch Dr. Andrea Malgara einiges zu berichten. Als Inhaber der Mediaplus Gruppe – der größten unabhängigen Mediaagentur in Europa – hat er den TV-Werbemarkt im Blick. Das klassische Fernsehen müsse mittlerweile mit neuen Medien vereinbar sein, damit Werbung ihre Zielgruppe erreicht. Eine Fragmentierung auf Social Media oder Videoportalen sei üblich. Die Herausforderung sei hier, die Zielgruppe über alle Plattformen gleichmäßig zu erreichen. Ein Beispiel für Schwierigkeiten sei YouTube. Die Plattform sei zwar das meistgenutzte Videoportal, die Kluft zwischen Viel- und Wenignutzer*innen sei jedoch sehr groß. Nicht alle Nutzer*innen könnten zu jedem Zeitpunkt gleichermaßen erreicht werden. Malgara sieht für das Fernsehen jedoch eine Chance: Dem steigenden Verlust von Zuschauern wurde durch die Corona-Pandemie deutlich entgegengewirkt. Jetzt sei die Gelegenheit, um vor allem auch junges Publikum wieder anzusprechen.

Die neuen Wege der Werbung stellen auch internationale Unternehmen vor Herausforderungen, beispielsweise in Großbritannien.

Sara Bonakdar von Great Point Media berichtete in ihrer Keynote von der aktuellen Situation des britischen Markts. Besonders die Förderlücken, die durch den Brexit entstanden waren, stellten für Produktionsfirmen zunächst ein Problem dar. Der vom BFI ins Leben gerufene Global Screen Fund habe hier jedoch Abhilfe geschafft und die Nachfrage nach britischen Koproduktionen vor Ort ist weiterhin sehr hoch. Große Player wie Disney, Netflix, NBC Universal und Sky, bauen aktuell ihre Standorte aus, sodass der Zufluss internationaler Produktionsgelder erstmal kein Ende nehmen wird.

Auch gegen Covid-19 seien die Briten nun gewappnet. Gemeinsam mit Oxford Risk Management bietet die Great Point Media seit neuestem eine Versicherung gegen virusbedingte Ausfälle und Verzögerungen an. Diese kann von allen Produktionen, an denen die Great Point Media finanziell beteiligt ist, in Anspruch genommen werden. Attraktiv, auch für die deutsche Filmwirtschaft.

Ein weiterer aussichtsreicher Punkt auf Werbeseite: Influencer-Marketing. Eine Option, die auch der Filmwirtschaft zu Gute kommen könnte.

Die Firma, die das Management großer Influencer*innen perfekt beherrscht, heißt Clubhouse Media Group. Mitbegründer Harris Tulchin – für die Konferenz extra aus Las Vegas zugeschaltet – stellte das Konzept der Content Houses vor. In diesen weltweit verteilten Luxusvillen wohnen Influencer*innen in WGs, haben dort ihre eigenen Studios und werden in ihrer Vermarktung unterstützt. Deals mit starken Marken sind alltäglich und das Konzept hat noch lange nicht seine Grenzen erreicht.

Im März 2020 schoss das Unternehmen auf Grund einer glücklichen Verwechslung mit der populären Clubhouse App auf dem Aktienmarkt durch die Decke. Mit dem neuen Budget sind weitere Ausbauten geplant, so z.B. neue Standpunkte in Berlin oder München, Asien und Südamerika. Auch Kontakte zur Medienbranche werden weltweit gesucht, denn neben Promotionsoptionen für Serien, Filme und Shows könnte auch das Content House selbst Drehort werden, z.B. für Reality Formate.

Nach den Einblicken in die Sender- und Marketinglandschaft durfte am Schluss der Konferenz auch die Perspektive der tatsächlichen Contentmacher*innen nicht fehlen. Im Panel „TV & Digital“ diskutierten Jochen Köstler, Dr. Lisa Blumenberg, Philipp Kreuzer und Henning Albers über aktuelle Anliegen.

Dr. Lisa Blumenberg (Letterbox Filmproduktion) merkte an, dass der Übergang vom linearen zum digitalen Serienformat auch die Erzählstrukturen beeinflusse. Durch das auf Streamingplattformen übliche Bingewatching steigt die Beliebtheit vertikaler Erzählstile. Diese seien bei üblichen TV-Produktionen, die meist mit 1 Folge pro Woche erscheinen, weniger vertreten. Als belastend empfand sie die steigende Komplexität vieler Richtlinien. Die Branche sei angesichts dessen müder und langsamer geworden. Es würde zur Zeit viel geredet, aber weniger getan.

Jochen Köstler (Constantin Entertainment) bestätigte, dass die Tendenz zum Seriellen auch bei Showformaten spürbar sei. Entertainment Shows würden z.B. von Streamern mit mindestens vier Folgen angefragt. Wie Henning Tewes beobachtet auch Köstler einen deutlichen Anstieg der Beliebtheit von Reality Formaten. Seine letzte Produktion „Last One Laughing“ erzielte auf Amazon Prime ungeahnte Erfolge. Köstler sieht einen deutlichen Anstieg der Produktionszahlen auch in Zukunft, hinterfragt jedoch wie lange dieser Trend noch anhalten wird. Positiv bemerkt er die steigende Beliebtheit regionaler und deutscher Inhalte.

Aus Förderperspektive stellte Helge Albers (FFHSH) fest, dass Streamer immer stärker als Partner von Produktionen vertreten seien. Deren finanzieller Rückhalt für Produzent*innen sei begrüßenswert, jedoch schließe eine Zusammenarbeit mit Streamern in einigen Fällen den Erhalt einer Länderförderung aus. Ein Netflix Original würde z.B. nicht von der FFHSH gefördert werden, da diese konkret Produzent*innen und den Regionaleffekt unterstütze. Die Disparität zwischen GMPF und den Länderförderern sei diesbezüglich zu beobachten. Sollten sich die Fördermodelle auf Bundesebene grundsätzlich ändern, müssten wohl auch die Länderförderungen mitziehen.

Diesbezüglich merkte Philipp Kreuzer an, dass bei den Streamern eine deutliche Entwicklung in Richtung eigener Produktionsabteilungen sichtbar sei, sodass Produzent*innen auch weiterhin auf die Länderförderungen angewiesen sein werden. Zudem äußerte er Bedenken gegenüber der aktuellen Entwicklung von Empfehlungsalgorithmen auf Streamingplattformen. Diese könnten innovativen Inhalten den Weg zum Konsumenten versperren.

Abschließend warfen die Panelist*innen noch einen Blick in die Zukunft. Die Erwartung, was aus dem Jahr 2021 bleiben werde, waren bunt durchmischt. Eine größere Social Gap einerseits, andererseits Lerneffekte im Bereich Digitalisierung und die Erkenntnis, dass die Branche auch in Krisensituationen fähig ist, weiterzuwachsen. Die Verantwortung, sich Herausforderungen zu stellen, so Kreuzer zum Schluss, liege jedoch im Jetzt und in unserer aller Hände. Alles auf zukünftige Generationen zu schieben, sei in diesem Fall genauso fehl am Platz wie beim Umweltschutz.

Fotos © Ensider.net GmbH



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